Eine Schule ohne Klassenzimmer

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Unterricht im Krankenhaus

Hier ist es. Schnieglinger Straße 38. Das Schulgebäude ist alt. Und riesig. „Am besten, Sie kommen über den Mädcheneingang“, war der Ratschlag der Rektorin. Dritter Stock, Zimmer 310. Sitz der Schulleitung, des Sekretariats, des Lehrerzimmers. Ein winziger Raum inmitten der Grund- und Hauptschule, Schnieglinger Straße ist die Schaltzentrale der Schule für Kranke Nürnberg-Fürth. Der Unterricht, der findet in den Kliniken statt. Erst am Vortag trafen sich die Lehrer, 23 sind es insgesamt, um über das Ereignis des Jahres nachzudenken: Seit 25 Jahren gibt es die Einrichtung als eigenständigen Schultyp, im November soll das Jubiläum gefeiert werden. 15 Schulen für Kranke gibt es in Bayern, initiiert wurden sie von Eltern und Ärzten Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre. Mit dem Ziel: Es soll  verhindert werden,  dass Schüler, die länger als zwei Wochen in einem Krankenhaus behandelt werden müssen, den Anschluss verlieren. „Diese Schulart ist so wichtig – und doch ist ihre Existenz kaum im Bewusstsein“, sagt Daniela Volland, Fachbereichsleiterin Volks- und Förderschulen im Amt für allgemeinbildende Schulen der Stadt. Denn ob komplizierter Beinbruch, Krebs oder psychische Erkrankung – den 150 Schülern, die im Schnitt pro Montag unterrichtet werden, wird vor allem eines vermittelt: ein Stück Alltag, ein Stück Außenwelt, ein Stück Normalität. Inmitten von Krankheit und Krise lautet die Botschaft: Es geht weiter, ihr fallt nicht aus dem System.

Dabei müssen die Lehrkräfte ein Höchstmaß an Flexibilitäten an den Tage legen: Über 1000 Schüler durchlaufen die Schule pro Jahr; vom Erst- bis zum Zwöltftklässler, vom Grund- über den Förderschüler bis zum Gymnasiasten – und  der Anteil der Gymnasiasten nimmt stetig zu. „Lehrer, die hier arbeiten, müssen sowohl psychisch als auch physisch belastbar sein“, sagt Schulleiterin Eva Rehn. „Wir sind schon eine ungewöhnliche Schule.“

Physisch, weil sie teilweise pendeln müssen zwischen Klinikum Nord und Süd, Cnopf´scher Kinderklinik, Dr-Erler-Klinik, St. Theresienkrankenhaus, Krankenhaus Martha-Maria, Therapeutischen Wohngruppen und der Kinderklinik Fürth. Und psychisch, weil sie nicht selten selbst seelisch extrem gefordert werden. Wenn ihnen ein Schulverweigerer gegenübersitzt, der nicht mehr so genau weiß, wann er die Schulbank zuletzt gedrückt hat. Oder ein junger Mensch, lerneifrig und wissbegierig, der in den nächsten Monaten sterben wird.

Videokonferenzen können den Unterricht ergänzen, nicht ersetzen

Die Lehrer unterrichten in 6 bis 18 Wochenstunden vor allem die Hauptfächer Mathe, Deutsch, Latein, Englisch, Französisch und Physik. Es gibt außerdem zwei Religionspädagogen, die in der Cnopf´schen Kinderklinik angesiedelt sind. Manche Fächer werden virtuell über das Internet unterrichtet, wenn es sich einfach nicht lohnt, dafür eigens einen Lehrer zu beschäftigen. Wirtschaftsrechnen zum Beispiel. Im Einzelfall und ergänzend funktioniert hier der Unterricht per Videokonferenz, doch der technische Aufwand ist sehr hoch.

In der Regel besteht die Klasse aus maximal fünf Kindern. Anfangs wird eine Leistungsdiagnostik in Absprache mit den medizinischen Betreuern gemacht, der Kontakt zur Stammschule hergestellt und ein individueller Förderplan erstellt. Doch es sollen nicht nur Lernlücken geschlossen und die Reintegration in die Stammschule ermöglicht werden. Die Kinder vergessen ihre Schmerzen. Und ihre Probleme. Eva Rehn: „Es gibt Schüler, die wollen gerne mehr Unterricht haben. Das ist doch traumhaft!“

KATHRIN WALTHER

Quelle: Nürnberger Zeitung, 17.02.2010